Interview 2
Wie das fertige Bild aussehen soll, interessiert mich am Anfang nicht
Maler im Gepräch Ercan Dündar über Kunst und Asyl, Einsamkeit und Sehnsucht
Von Klaus Wagner
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Über Erotik und Sexualität durfte in der Türkei nicht gesprochen werden. Das sind auch heute noch heikle Themen. Es war für mich das Tabuland. Deshalb wollte ich weg, sagt der in Ottobeuren lebende Künstler Ercan Dündar. Foto: Klaus Wagner |
Ottobeuren Seine Heimat hatte er verlassen, weil er die Freiheit suchte. In Deutschland angekommen, entdeckte er seine Liebe zur Malerei. Der Ottobeurer Maler Ercan Dündar (50) stellt ab Samstag ebendort seine Werke aus. Im Gespräch mit der Memminger Zeitung gibt er Auskunft über seine Entwicklung als Maler und warum die Menschen auf seinen Bildern oft sehr ernst aussehen.
Herr Dündar, wie sind Sie zum Malen gekommen?
Dündar: Ich bin 1980 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Ich war damals 23 Jahre alt, kannte die deutsche Sprache nicht und hatte zunächst keine Freunde. Um meine Einsamkeit, mein Fremdsein und meine Sehnsucht nach der Türkei zu kompensieren, habe ich angefangen zu malen.
In Deutschland habe ich kreative Leute kennengelernt
Sie hatten zuvor in der Türkei nicht gemalt?
Dündar: Nein, ich glaubte sogar als Kind, dass ich gar kein Talent dazu hätte. Dass ich später trotzdem zur Malerei gekommen bin, hat wohl zwei Gründe.
Ich besuchte eine Schule in Ankara und hatte eine sehr westlich eingestellte Lehrerin. Eines Tages forderte sie uns auf, sie zu porträtieren. Ein anderes Mal sollte ich ein Urlaubserlebnis malen, hatte aber nie eine Reise gemacht. Meine Bilder wurden gelobt, und das ist mir im Bewusstsein geblieben.
Der zweite Grund war, dass ich in Deutschland kreative Leute kennen lernte. Diese luden mich in ihre Ateliers ein und ich war begeistert von dem, was ich dort sah. Da schwor ich mir, Maler zu werden und kaufte mir Wasserfarben.
Niemand verlässt einfach so seine Heimat. Was waren Ihre Gründe?
Dündar: In der Türkei herrschte ein politisch autoritäres System. Wenn man sagte was man wollte, riskierte man, dafür ins Gefängnis zu kommen. Auch über Erotik und Sexualität, heute noch sehr heikle Themen, durfte nicht gesprochen werden. Die Türkei war für mich das Tabuland. Deshalb wollte ich weg.
Und in Deutschland haben Sie gefunden, was Sie suchten?
Dündar: (sehr spontan) Ja.
Wie haben Sie malen gelernt?
Dündar: Ich bin Autodidakt. Wenn ich in Ausstellungen ging, versuchte ich zu lernen, aber ich kopierte nicht. Wie ein spielendes Kind finde ich es noch immer wieder aufregend, aus den Situationen, die sich beim Malen ergeben, Neues zu entdecken.
Gab es einen Mentor, der Sie unterstützte?
Dündar: Nein, eigentlich nicht. Ein guter Bekannter von mir, Dieter Kunerth, ist ein renommierter Künstler. Seine Meinung zu meinen Bildern ist für mich sehr wichtig und förderlich.
Gibt es weitere Künstler, von denen Sie beeindruckt sind?
Dündar: Ja, zum Beispiel Ibrahim Balaban, der ebenfalls Autodidakt war. Für mich ist er der Picasso der Türken. Er wurde oft verhaftet und kam ins Gefängnis. Ebenso bedeuten mir Klee und Munch sehr viel. Beide arbeiteten unter sehr schweren Umständen, weil sie an Krankheiten litten.
Wie würden Sie Ihren Stil zu malen einordnen?
Dündar: Vielleicht figurativ abstrakt. Aber ich habe keine Schablone im Kopf. Ich sage nicht, ich möchte so malen, oder so. Ich bin überhaupt nicht festgelegt. Bei mir ist das Gefühl bestimmend. Ich arbeite aus dem Bauch heraus.
Wie kommen Sie zu Ihren Themen?
Dündar: Der Ausgangspunkt für ein neues Bild ist keine Idee, sondern die Lust zu malen. Ich nehme mir eine Leinwand und fange einfach an, mich auszudrücken. Wie das fertige Bild aussehen soll, interessiert mich am Anfang nicht. Aber egal womit ich beginne, ich ende immer damit, dass ich Menschen male.
Ottobeuren ist seinen Künstlern gegenüber sehr aufgeschlossen.
Die Menschen auf vielen Ihrer Bilder sehen sehr ernst aus. Macht Ihnen etwas Sorgen?
Dündar: Ja. Der Egoismus und dass materielle Dinge oft zu sehr im Vordergrund stehen. Geld regiert die Welt. Umso erfreulicher ist, dass Ottobeuren seinen Künstlern gegenüber sehr aufgeschlossen ist.
Könnte es auch sein, dass Sie in Deutschland etwas vermissen?
Dündar: Die Geselligkeit ist hier eine andere, als in der Türkei. Das macht mich manchmal traurig.
Was wäre, wenn Sie aus irgendeinem Grund nicht mehr malen könnten?
Dündar: Ich würde immer versuchen zu malen, auch unter schwierigen Umständen.
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