Reportage
Die Arbeit des Instrumentenbauers erfordert Ruhe und Erfahrung - ab und zu unterbricht ein Sonderauftrag den Alltag an der Werkbank
Von Klaus Wagner
Wolfgang Löffler sitzt an seiner Werkbank. Vor ihm, auf einem kleinen Teppich, liegt die Geige eines Schülers. Ohne Saiten, ohne Steg, ohne Saitenhalter. Auch der Stimmstock fehlt noch. Aber das ist von außen nicht zu sehen, er ist normalerweise im Innern der Geige zwischen Decke und Boden eingeklemmt. Eine Leselampe taucht die Geige in helles Licht. Wolfgang Löffler hat den Auftrag bekommen, die fehlenden Teile zu ersetzen und die Geige spielfertig zu machen.
Er beginnt den Stimmstock zu präparieren. „Seele des Instruments&rdquo nennen die Franzosen dieses Stöckchen. Beim Spielen überträgt es die Schwingungen der Geigendecke auf den Boden. Die Position des Stimmstocks bestimmt Klang und Lautstärke. Löffler presst ein rundes Stöckchen, etwa sechs Millimeter im Durchmesser und fünf Zentimeter in der Länge, gegen die Stirnseite der Werkbank. Mit dem Schnitzmesser in der anderen Hand schabt er von der Schnittfläche an einem Ende winzigste Spänchen ab und lässt so eine sanft abgerundete Fläche entstehen. „Jede Geige ist ein Unikat, bei dem Decke und Boden individuell gewölbt sind”, erklärt er. Und diesen Wölbungen an einer bestimmten Stelle in der Geige passt Löffler die Enden des Stimmstocks an. Schnitt für Schnitt. Auf der Werkbank liegt, wie ein Fremdling, ein Stück Fichtenholz, geigenuntypisch mit kräftigen Blautönen bemalt. Löffler kümmmert sich nicht darum.
Lehre in Mittenwald
Der 41-jährige ist schlank, hat schmale Hände, ein schmales Gesicht, schwarze Haare. Gelernt hat er sein Handwerk in Mittenwald, dem traditionsreichen Zentrum für Geigenbau, bekannt für die Herstellung sehr hochwertiger Instrumente. Anschließend war er drei Jahre lang Geselle. Dann hat er sich selbständig gemacht und seine eigene Werkstatt eröffnet. Was er an seinem Handwerk liebt? Dass es ihm erlaubt, zurückgezogen und in Ruhe zu arbeiten.
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| Geigenbauer Wolfgang Löffler läßt sich bei der filigranen Arbeit nicht aus der Ruhe bringen. Foto: Klaus Wagner |
Alles auf der Werkbank hat seinen Platz, hat Wolfgang Löffler übersichtlich angeordnet. Schnitzmesser, Zirkel, Retuschier- und Messwerkzeuge, Spiegel, verschiedene Halter. Auch seine Werkstatt ist sehr übersichtlich eingerichtet. Drei Werkbänke stehen darin; große Maschinen gibt es nicht, sieht man von der Schleifmaschine für die Schnitzmesser ab. Der Boden aus groben Korkfließen schluckt Schall und vermittelt das Gefühl von Wärme. Wie Bücher auf einem Regal lagern unter der Zimmerdecke Holzblöcke: Rohmaterial für Geigen. Die Bäume, von denen die Blöcke stammen, hat er zum Teil selbst gefällt. Durch das große Schaufenster, das Glas in der Tür und ein weiteres Fenster fällt diffuses, helles Licht. Stille im Raum. In der Ecke steht ein flacher Korb. Darin liegt Löfflers kleiner Hund, der meistens schläft. An den Wänden zwei Rahmen mit Drucken, die Geigen zeigen: von Antonio Stradivari, von Nicola Amati. „Als ich zum ersten Mal an einer Stradivari gearbeitet habe, war ich noch nervös. Heute passiert mir das nicht mehr”, sagt er. „Eine Stradivari ist auch nur eine Geige.” Und die Geige neben den blauen Fichtenholz mit der seltsamen Schnecke, die wie ein Mädchenkopf aussieht? Löffler kümmert sich nicht drum.
Mit dem Steg, der die Saiten trägt, verhält es sich ähnlich, wie mit dem Stimmstock. Die Füßchen, mit denen der Steg auf der Geigendecke steht, müssen deren Wölbung angepasst sein. Nur so kann er die Schwingungen der Saiten optimal übertragen. Löffler nimmt einen Rohling. Wieder kleine Späne mit dem Schnitzmesser abheben, wieder mit den Augen prüfen, ob die Passform stimmt. Löffler arbeitet schweigend und konzentriert. Stille in der Werkstatt, die fast drückend wirkt. Nichts als das leise, schabende Geräusch des Schnitzmessers.
Früher Nachmittag. Jemand betritt die Werkstatt, und Löffler muss seine Arbeit unterbrechen. Eine Vertreterin erwartet Aufmerksamkeit für Geigenbögen aus Carbon. Geduldig hört er zu und nimmt gerne den angebotenen Prospekt. Ein Geigenbogen aus Carbon. Das klingt für ihn nach Massenprodukt und das ist nicht seine Welt, aber das sagt er ihr nicht. Auch die vorgefertigten Stege, die sie jetzt anbietet, interessieren ihn weniger. Durch seine Arbeit will er etwas ganz Persönliches schaffen, da haben Massenprodukte keinen Platz. Als die Vertreterin gegangen ist, kehrt wieder Stille in die Werkstatt zurück.
Dorthin, wo auf der Werkbank ein Geigenboden liegt, mit den Zargen zu einer Geigenschachtel verleimt. Und ein Geigenhals, der statt in einer Schnecke in einem geschnitzten Kopf endet. Im Kopf eines lächelnden Mädchens. Eines in sich ruhenden, selbstbewussten Kindes. Daneben: ein flaches Stück Fichtenholz, das mit blauen Farben in unterschiedlichen Tönen bestrichen ist. Löffler erwartet einen Kunden, der für seine Tochter eine Geige in Auftrag gegeben hat. Eine blaue Geige. Er wollte schon immer einmal eine bauen. Nie hatte er Zeit dafür.
Pünktlich öffnet sich die Tür zur Werkstatt und herein tritt, unverkennbar, das Kind, für das die blaue Geige bestimmt ist. Eine Videokamera unter dem Arm. „Hallo, Katharina, wie geht es Dir?”, fragt Löffler. „Gut, ich spiele endlich wieder Vivaldi.” Katharina (Name geändert) ist neun Jahre alt, spielt seit vier Jahren Geige und war letztes Jahr zweite bei „Jugend-musiziert”. Sie lernt auch Arabisch und Chinesisch. Nächstes Jahr will sie mit Klavier beginnen.
Jetzt betritt auch ein großer, stattlicher Mann die Werkstatt, Katharinas Vater. Das Kind hat schon den Geigenboden in die Hände genommen und befühlt das Holz: „Es ist schön weich und glatt”, sagt Katharina in den Raum. Dann betrachtet sie den Geigenboden: „Sieht aus wie Rosenholz.” Es ist Muschelahorn, Holz mit einer wolkigen Maserung. Das Kind hatte es selbst ausgewählt.
Vater und Tochter sind gekommen, um ein weiteres Stadium der entstehenden Geige auf Video zu dokumentieren. Löffler steht hinter der Werkbank, ordnet seine Schürze und die Gegenstände, die vor ihm liegen. Vorbereitungen wie für einen Auftritt. „Fertig?”, fragt Löffler und beginnt dann zu sprechen. Zur Demonstration nimmt er nacheinander Schachtel, Decke und Geigenhals in die Hände. Mit wenigen Sätzen vermittelt er eine Ahnung davon, wie er die Teile aus den Rohmaterialien geformt hat. „Wollen Sie jetzt noch die Decke mit der Schachtel verleimen?” Nein, sagt Löffler, das könne er jetzt nicht machen. Für diesen Arbeitsschritt brauche er Ruhe und sehr viel Konzentration, weil der warme Leim schnell härte und präzise gearbeitet werden müsse. Wenn es soweit sei, sagt er weiter und lächelt dabei, verschließe er sogar die Tür zu seiner Werkstatt.
Löffler hält das Fichtenholz mit den blauen Farbflächen in einer Hand und geht zum Fenster, ans Licht. Aus dem Nebenraum der Werkstatt, Löfflers Ausstellungsraum für Geigen und Celli, hört man gezupfte Geigensaiten klingen. Pizzicato. „Man muss dieses Kind im Krankenhaus mit unserem verwechselt haben”, sagt der Vater scherzhaft. „Weder ich noch meine Frau sind musikalisch.”
Die Herstellung der blauen Farbe für den Anstrich der Geige ist kompliziert. Als Pigment verwendet Löffler ein Mineral: Lapislazuli. DaVinci und die alten Meister haben es schon benutzt, für die blauen Gewänder der Madonna auf ihren Bildern. Chilenisches und afghanisches Lapislazuli hat Löffler ausprobiert und sich für letzteres entschieden: 50 Gramm zu 1.000 Euro. „Lapislazuli mit öl anzureiben ist die einzige Möglichkeit, um einen dunkelblauen Farbton zu erzeugen”, erklärt Löffler. Dann diskutiert er mit dem Vater die Vor- und Nachteile von Lein- und Walnussöl sowie unterschiedliche Trockenzeiten für die Farbe. „Wenn ich im November den Anstrich mache und anschließend die Lackierung, könnte die Geige gegen Ende Dezember fertig sein”. Doch der Papa sagt nur: „Qualität geht vor Termin”. Auch Katharina lässt keinerlei Ungeduld erkennen, obgleich sie vielleicht bis März auf ihre neue Geige warten muss. „Wir kommen wieder, wenn es wieder etwas zu sehen gibt.”
Das härteste Holz
Löffler nimmt die unterbrochene Arbeit an dem Geigensteg wieder auf, genauso ruhig und konzentriert wie zuvor. Wieder sollen gewölbte Flächen entstehen. Jetzt kommt es darauf an, möglichst viel Holz zu entfernen. Ein schwerer Steg ist ein träger Steg und erfordert mehr Kraft, um laut zu spielen. Mit einer Feile glättet er die bearbeiteten Flächen. Jetzt nimmt er wieder ein Schnitzmesser, um dem Steg ein feineres Aussehen zu geben. Lautlos gleitet das Schnitzmesser durch das Holz, wie durch Wachs. Dabei besteht der Steg aus Ahorn. Dem härtesten Holz, das es in unseren Breiten gibt. Zwei kleine seitliche Einschnitte noch, knapp über den Füßchen. 20 Kilogramm Auflagegewicht der Saiten müssen diese aushalten. Die Einschnitte seien zwar nutzlos, sagt Löffler, aber sie verleihen dem Steg einen filigraneren Charakter. Und an dem hat er Freude. Für einen Steg braucht er schon mal zwei Stunden. Der Steg, sagt er, sei die Visitenkarte des Geigenbauers. Stegen für Geigen von Berufsmusikern prägt er seinen Namenszug ein.
Es lasse sich, sagt Geigenbauer Wolfgang Löffler, vieles berechnen und konstruieren, mit Physik und moderner Technik, auch im Geigenbau. Aber das entspreche nicht seiner Auffassung von diesem herrlichen, Jahrhunderte alten Beruf, sagt er. Und was macht er, wenn er nicht Stege schnitzt und lapislazuliblaue Farben mischt? Da lacht Wolfgang Löffler und sagt: „In meinen freien Stunden konstruiere ich eine elektronische Geige.”
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