Recycling und Sozialarbeit unter einem Dach

in Magazin für RohstoffWirtschaft 1/2008

Von Klaus Wagner

Der Laster kommt: Klaus Wagner
Elektronikschrott wird angeliefert.
Foto: Klaus Wagner

„Der Laster kommt”, ruft jemand durch die Fabrikhalle und ein Arbeiter schiebt das große Einfahrtstor zu Seite. Langsam fährt ein Lastwagen rückwärts herein und entlädt seine Fracht. Ein Strom von metallenen Gegenständen ergießt sich scheppernd über den Boden. Ausgediente Fernsehgeräte, PCs, Monitore, Flachbildschirme.

Einige Arbeiter machen sich daran, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie sortieren den Schrott und schichten ihn an den Seitenwänden der Halle auf. Andere sitzen an Werkbänken und sind damit beschäftigt, ausgediente Geräte zu zerlegen. Ihre Werkzeuge: Seitenschneider, Schraubenzieher, Akkuschrauber und Hämmer. Insgesamt 65 Hartz IV-Empfänger waren 2007 in der Werkshalle der Linus GmbH München, einem zertifizierten Fachbetrieb, mit der Aufarbeitung von Elektronikschrott beschäftigt. Mehr als 1.500 Tonnen haben sie manuell zerlegt und die Einzelteile in Kisten sortiert. Leiterplatten, Kabel, Akkus, Aluminium- und Eisenteile. Und wie dem entsprechenden Jahresbericht zu entnehmen ist, wurde durch die manuelle Zerlegung eine Wiederverwertungsquote von mehr als 95 Prozent erreicht.

Müll Fernsehröhren
Sauber getrennt: Elektronikbauteile und Bildröhren.

Der Laster kommt: Klaus Wagner
Werkshalle von Linus. Alle drei Fotos: Klaus Wagner

„Wir sind kein Recyclingbetrieb, der Hartz IV-Leute beschäftigt”, erklärt Marie Pillwein, Geschäftsführerin von Linus München. „Wir sind ein gemeinnütziger, sozial ausgerichteter Betrieb, in dem Langzeitarbeitslose für den ersten Arbeitsmarkt qualifiziert werden.” Die große Zahl an Arbeitslosen und die gigantische Menge an jährlich anfallendem Elektronikschrott haben die Sozialmanagerin 2005 dazu bewogen, zusammen mit ihrem Kollegen Artur Kunz, ein Recycling-Unternehmen zu planen. Kein großer bürokratischer Überbau, kurze Entscheidungswege und schnelle Reaktionsmöglichkeiten auf den Markt für Elektronikschrott: so sollte es aussehen. Nachdem von der Arbeitsgemeinschaft der Münchner Arbeitsagentur und des Sozialamts (ARGE ) die Förderung für das Unternehmen bewilligt wurde, nahm Linus München Anfang 2006 mit fünf Arbeitskräften und einem Team von Betreuern und externen Lehrkräften den Betrieb auf. Ende 2006 seien schon 50 Langzeitarbeitslose beschäftigt gewesen, erzählt Pillwein. Natürlich, die manuelle Zerlegung von E-Schrott sei nicht wirtschaftlich, aber darauf komme es auch nicht an, fährt sie fort. Wesentlich sei es, den Arbeitskräften für die Qualifizierung eine sinnvolle Arbeit zu bieten.

Der Schrauber: Klaus Wagner
Mechaniker bei Linus. Foto: Klaus Wagner

Im Durchschnitt 42 Jahre alt und seit vier Jahren arbeitslos sind die Menschen, die von der ARGE oder einem der Münchner Sozialbürgerhäuser an die Linus GmbH vermittelt werden und an der Qualifizierung teilnehmen. Die meisten von ihnen verfügen über einen Hauptschulabschluss. Nur wenige haben eine Realschule oder ein Gymnasium besucht. Eine abgeschlossene Berufsausbildung können ungefähr 50 Prozent von ihnen vorweisen.





Mit der Realität konfrontiert

„Längere Zeit arbeitslos sein zu sein kann gravierende Folgen haben”, sagt Judith Schäffel, Diplom-Psychologin und bei Linus zuständig für die Betreuung der Hartz IV-Empfänger. Häufig beobachte man, dass persönliche Eigenschaften verloren gingen, die zur Bewältigung der Anforderungen des Arbeitsalltags notwendig seien, erklärt sie und meint damit Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer. Um dem zu begegnen werden die Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahme bei Linus mit der Realität des Arbeitsalltags konfrontiert. Wie in jedem Betrieb werden Anforderungen an Leistung und persönliches Verhalten gestellt. Sanktionen wie Abmahnungen und Entlassungen sind ebenso möglich, wie Belobigungen bei guten Leistungen. In regelmäßigen Abständen werden die Teilnehmer beurteilt und sie haben auch die Möglichkeit, sich selbst zu beurteilen, wodurch sie in die Lage versetzt werden, sich selbst einzuschätzen. Weiterhin gibt es ein breit gefächertes Kursangebot, sowie ein Bewerbungstraining und ein externes Praktikum. ãDurch unser Qualifizierungsangebot schaffen jährlich etwa 20 Prozent der Langzeitarbeitslosen den Sprung in den ersten ArbeitsmarktÒ, ist von Pillwein zu hören.

„Auch wir haben den enormen Preisverfall für Elektronikschrott zu spüren bekommen”, sagt Marie Pillmeier. „Derzeit bekommen wir nur noch 25 Prozent der Erlöse, die wir vor einem Jahr erzielt haben”. Die Gefahr, dass sich die Kisten mit den Schrottteilen in der Halle von Linus aufstauen, bestünde allerdings nicht, ergänzt sie, da Abnahmeverträge mit Partnerunternehmen bestünden.

Veitmeyer: Klaus Wagner
Werner Veitweber, Radio- und Fernsehtechnikermeister

„Etwa 10 Prozent der Fernseher und Computer und 25 Prozent des HiFi-Equipment, die bei uns angeliefert werden, sind noch brauchbar”, sagt Werner Veitweber und schaut wieder von dem riesigen Display auf, das vor ihm auf der Werkbank liegt. Nachdem die entsprechenden Geräte repariert sind, werden sie im angrenzenden Raum zum Verkauf angeboten. „Leider läuft der Laden nicht besonders”, ergänzt er. Es habe sich wohl noch nicht herumgesprochen, dass wir einen haben, fügt er hinzu. Schade, denn die Geräte sind geradezu konkurrenzlos preisgünstig.

Müll Fernsehröhren
Verkaufsraum und Werksgebäude von Linus München. Alle drei Fotos: Klaus Wagner

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Linus GmbH München

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